Über die Kunst

Plastiken

Widerstand gegen drängende Gewalt prägt Wolf Gloßners plastischen Ausdruck. Seine nach gotischem oder romanischem Muster gewölbten Bögen, Tore, seine Stelen – autonome Formen aus Stahl- stehen sperrig, widerborstig, aggressiv da und wirken zugleich durch ihre kühl kalkulierte und doch emotional wirksame Kraft. Ob geduckt am Boden oder aufstrebend vermitteln sie das Gefühl, dass hier mit den Mitteln des Bildhauers Ausdruck für Verteidigung, Angriff, aber auch Geborgenheit gesucht wird.

In seinen Arbeiten aus jüngerer Zeit dominiert deutlich das Motiv einer großzügig angelegten zweiteiligen Form, deren Teile mit sich selbst befasst erscheinen und vergeblich – weil statisch festgelegt – um Annäherung bemüht sind. Parallel zur Aktion der stählernen Konstruktion entwickelt sich im dazwischen gelegenen Raum eine Gegenform, die mit dem Metall korrespondiert und als Volumen exakt definiert wird. Der Luftraum als eigenständiger Körper ist gleichberechtigt präsent, nicht nur als passiv unwirksame Negativform. So, wie Gloßner zunächst hölzerne Grundformen mit schmiegsamen Bleimantel gefasst hatte, formen nun seine Metall-Segmente den Umraum, einen Bereich, der nach außen wirkt. Aus einem spitzen Winkel verbreitert sich die Basis, unterbrochen vom Leerraum, über dem sich torartig, trotzig eine halbrunde oder schräge Wölbung spannt, imaginären Passanten den Durchgang freigibt.

Bisweilen sind die Konstruktionen nach oben hin durch einen Schlitz geöffnet oder klaffen auseinander, geben den Blick nach oben frei, trennen und schaffen doch die Andeutung einer Beziehung zwischen den Fragmenten.

Diese Plastiken wirken als Zeichen, Signale, stehen für Situationen. Unübersehbar ist ihr tektonischer Anspruch, der sich gerade in der Auseinandersetzung in urbanem Ambiente bewährt, wo die Plastik sich inmitten der Architektur zur Gebärde wandelt, nicht neutral bleiben kann und darf.

Der Bau dieser Arbeiten, ihre archaisch anmutende Strenge, beinhaltet dennoch ein Moment der Bewegung, das sich durch das abgestufte Mit- und Gegeneinander von Winkeln, Linien, und Flächen einstellt. Eine Assoziation zur menschlichen Gestalt stellt sich nur bei wenigen Arbeiten Gloßners ein, obwohl ihre Dimension am menschlichen Maß orientiert bleibt: Man ahnt die Gestalt verborgen in einer Stele oder vermutet Umrisse eines Kopfes. Der Mensch scheint sich strengen Gesetzmäßigkeiten unterzuordnen. Gliedmaßen sind erstarrt, bringen sich nur formelhaft in Erinnerung. Für Details bleibt kein Raum, in der knappen Andeutung liegt die Qualität des Eingriff durch den Bildhauer.

Einige dieser Plastiken sind farbig gefasst. Wolf Gloßner bemalt – mit blauer Farbe – seine Metallplatten, bevor er sich schneidet und dann endgültig montiert. So brennt nicht nur ein Teil der Farbe an den Rändern der Segmente weg, die abgeschliffenen Schweißnähte, die scharfen Kanten und die unregelmäßige Oberflächenstruktur treten mit noch größerer Deutlichkeit hervor. Malerische Effekte ergeben sich so auf dem schützenden Mantel der Metallhaut wie sie auch der korrodierende Stahl bei den unbemalten Arbeiten mit seinen differenzierten braunen Schattierungen mit der Zeit aus sich selbst heraus schafft. Stahl und Farbe bleiben ständiger Veränderung unterworfen. Wir finden uns konfrontiert mit der Verletzlichkeit des für Härte stehenden Materials, seinem Aufplatzen und der nicht ohne Gewalt geschlossenen Verwundung; die Kompaktheit des Bildwerkes widerspricht dieser Wahrnehmung nur bedingt, seine bedrängende Massivität verliert sich durch auflösende und klärende Faltung, Knick und Spaltung, koloristische Eingriffe – einer jedes Segment, jedes Detail betreffenden individuellen Formulierung, die sich zum Ganzen fügt.

                                                                                                                                                                                                                                         -Dr. Jürgen Schilling –

 

 

Zeichnungen

Manchmal gibt es Glücksfälle im Werk eines Künstlers, die uns weit über die bildimmanente Interpretation hinaus etwas von der Essenz des künstlerischen Ziels offenbaren könne – die Zeichnung des Bildhauers Wolf Gloßner gehört dazu.

In dieser kleinformatigen Zeichnung finden wir ein Konzentrat seiner plastischen Arbeit mit dem Material Stahl. Neben dem thematischen Zyklus der Tore, dessen größtes und bekanntestes am Flughafen Hannover steht, schuf Gloßner eine Serie von Stelen, die allein und als Doppelskulptur konzipiert wurden.Auch in diesem Blatt schwingt ganz entfernt noch etwas mit von dem Ursprung der künstlerischen Konzeption Gloßners, der Bezug zur menschlichen Figur und ihrer Leiblichkeit, transformiert in die materielle Härte des Stahls.

Der 1946 in Velburg geborene Gloßner arbeitet seit seinem Studium an der HBK Braunschweig bei Emil Cimiotti fast ausschließlich mit diesen Material, dessen Härte und Wiederstandkraft er durch scharfkantige Formen noch akzentuiert.

Seine Skulpturen strahlen etwas von der Aggressivität dieses Werkstoffes aus, der wie kein anderer für Werkzeug und Waffen Verwendung fand: Kristalline Formen dehnen sich in den Raum hinein; zwei Keile stehen dicht neben- oder gegeneinander; eine wellenförmige Bewegung läuft in eine pfeilförmige Spitze zusammen.

Die Schweißnähte zwischen den einzelnen Stahlblechen, die Gloßner bewusst als Arbeitsspur stehen lässt, verstärken den Eindruck der Stabilität eines stählernen Gebäudes. Andererseits bilden diese silbrig schimmernden Kanten eine sensible Raumzeichnung der Skulptur, in der die farbig gefassten Stahlplatten als Flächen erscheinen.

Ähnlich ist Wolf Gloßner bei dieser Zeichnung vorgegangen:

In eine leichte Bleistiftzeichnung hinein hat er drei Farben gesetzt, die alle etwas mit dem Material Stahl zu tun haben: Links das Rot sehen wir in vielerlei Schattierungen beim Rost oder in der Gluthitze der Walzstraße, das Grau und Blau begegnet uns bei dem gebrauchsfertigen Material.

Die Bleistiftlinien können also als Raumzeichnung einer Stahlskulptur gesehen werden, während die farbig gefasste Flächen die jeweiligen Seitenansichten darstellen…oder ist alles ganz anders?

Sind es vielleicht drei einzelne Skulpturen?

Gloßner lässt bei dieser Zeichnung offen, ob er sie als direkt zu realisierende Konstruktionsskizze angelegt hat. Dagegen sprechen mehrere formale Gesichtspunkte: der abrupte obere und untere Abschluss der Zeichnung, der mehr das Ausschnitthafte betont, die eigenartige Unverbundenheit der drei farbigen Bereiche, die an eine kubistische Gleichzeitigkeit von „unmöglichen“ Perspektiven denken lässt, und die verworfenen Linien im roten Bereich, die übermalt werden.

Hier wird deutlich, dass der Künstler die Zeichnung als Findungsprozess benutzt, um Proportionen u erkunden, plastische Wirkungen erstmals zu visualisieren.

So erscheint nicht das fertige Abbild einer Skulptur, sondern eine erster Ausschnitt voller Lebendigkeit; in dem noch offen ist, welche endgültige Ausformung die zu bauende Skulptur erhalten wird.

Das Zentrum des Bildes korrespondiert mit dem des bildhauerischen Interesses, immer kehrt der Betrachter zu den drei unterschiedlichen Linienverläufen in der Bildmitte zurück, die die Vertikale der Stele strukturieren und die drei Teile zu einem Ganzen werden lassen.

                                                                                                                                                                                                                                 -Professor Christoph Rust-